Wer erinnert wie an wen?

Über die Vielfalt der Erinnerungskulturen diskutieren Hetty Berg, Aladin El-Mafaalani, Jo Frank und Esra Küçük

27. Januar 2021, 20:00,

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Dieser Tag ist in Deutschland seit 25 Jahren ein Gedenktag und auch die Vereinten Nationen haben den 27. Januar zum Gedenktag erklärt. Doch ist gemeinsames Erinnern in Deutschland und in Europa überhaupt möglich? Oder bedarf es eines Pluralismus der Erinnerungskulturen? Wie sieht angemessenes staatliches Erinnern aus? Und wer erinnert an wen und in welcher Form?

Diese Fragen diskutieren Hetty Berg, Esra Küçük, Jo Frank und Aladin El-Mafaalani, Moderation: Jörg Wojahn. Das Gespräch wird live auf der Facebookseite der Dialogperspektiven gestreamt. Fragen können dort über das Kommentarfeld gestellt werden.

Erinnerungskultur ist hochpolitisch. Sie enthält immer eine Deutung von Geschichte, eine Interpretation von Gegenwart und Zukunft und ein Identitätsangebot an die jeweilige (Mehrheits-) Gesellschaft. Erinnerungskultur macht Gruppen sichtbar, Perspektiven hörbar und kann damit andere Gruppen und Sichtweisen ausschließen. Jüd*innen kritisieren, dass sich die Diskrepanz zwischen jüdischem Erinnern an die Shoah und nicht-jüdischem Erinnern im deutschen und europäischen Kontext stetig vergrößert. Sinti*zze, Roma*nja, Homosexuelle oder Menschen mit Behinderung fordern, dass ihrer im staatlichen Erinnern sichtbarer gedacht wird. Populist*innen nutzen Erinnerungskultur wiederrum, um alternative Lesarten von Gegenwart und Zukunft historisch zu untermauern und Opfer zu verhöhnen. Gleichzeitig breitet sich in der Gesellschaft „Erinnerungsmüdigkeit“ aus. Innerhalb der Europäischen Union stellt sich die Frage, wie sich Mitgliedstaaten ihrer Vergangenheit stellen, ob es ein gemeinsames europäisches Erinnern geben kann oder es vielmehr auch einen Pluralismus europäischer Erinnerungskulturen geben muss.

Link zum Livestream: https://www.facebook.com/dialogperspektiven

Die Veranstaltung ist eine Kooperation der Dialogperspektiven mit der Europäischen Kommission, Vertretung in Deutschland, als Auftakt zu einem Jahr, in dem wir 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland feiern.

˝Es ist wunderbar zu erleben, wie Personen mit so unterschiedlichen Verortungen offen sind, miteinander zu reden und nach und nach beginnen, ihre jeweiligen Normalitäten zu verbalisieren und zu reflektieren und in diesem Prozess auch versuchen Normalitäten Anderer in sich zu bewegen und sie zu verstehen. Danke für diesen „Raum“ und den Prozess – ich freue mich auf die Fortsetzung!

Kristina, Teilnehmerin der Dialogperspektiven