Rückblick: Frühjahrsseminar 2020

Online-Seminar, 25.–29.03.2020

Das diesjährige Frühjahrsseminar der Dialogperspektiven hat stattgefunden – inmitten der Covid-19-Pandemie und unter gänzlich anderen Bedingungen als geplant. Gemeinsam mit einem flexiblen Team, den Seminarleiter*innen und religiösen Begleiter*innen und dem Engagement unserer Ehemaligen haben wir unsere Arbeit innerhalb kürzester Zeit grundlegend umstrukturiert und eine Online-Plattform sowie zusätzliche Methoden und Formate entwickelt, um das Seminar in den digitalen Raum zu transferieren. In dieser dramatischen Krise zeigt sich der Wert unseres Programms: Die Dialogperspektiven sind als europäisches, global agierendes Netzwerk das Tool, um den noch nie da gewesenen Herausforderungen nach Corona zu begegnen – über nationale, religiöse, weltanschauliche Grenzen hinweg.

Die Wochen vor Beginn des Frühjahrsseminars waren auch für die Dialogperspektiven eine immense Herausforderung, ein Auf und Ab an Hoffen und Bangen. Die Nachrichtenlage in Deutschland, Europa und der Welt änderte sich stündlich und gut eine Woche vor Seminarbeginn war klar, was alle Beteiligten befürchtet hatten: Sämtliche Veranstaltungen des ideellen Förderprogramms der deutschen Begabtenförderung würden bis in den April hinein abgesagt; unsere Partner*innen in Luxemburg gaben zeitgleich eine ähnliche Regelung bekannt.
Eine konzeptionelle Grundannahme unseres Programmes besagt: Beziehungen stehen im Fokus des Programms: interpersonelle, interreligiös-weltanschauliche, interkulturelle, akademisch-interdisziplinäre. Das Programm lebt vom intensiven Austausch miteinander, von konstruktiver Auseinandersetzung, vom gemeinsamen Erleben religiöser Praxis, von Zusammenarbeit. Deshalb schien es uns zunächst alternativlos, das Seminar abzusagen und es später nachzuholen.
Gleichzeitig heißt es in der Kurzbeschreibung unseres Programmes: Dialogperspektiven wurden ins Leben gerufen, um neue Formen des weltanschaulichen und interreligiösen Dialogs zu entwickeln, zu erproben und zu implementieren. Wann, wenn nicht jetzt sollte dieser Satz zur Handlungsdevise werden?
In mehreren Zoom-Meetings in den Tagen vor Seminarbeginn bestimmte das Team gemeinsam mit den AG-Leiter*innen und den religiösen Begleiter*innen Seminareinheiten, die sich für die Adaption in ein digitales Format eigneten. Die jeweiligen Einheiten wurden neu vorbereitet. Begleitend zum Seminar nutzten wir das eigens eingerichtete Intranet der Dialogperspektiven-Webseite und erweiterten dieses um diverse Funktionen.
Insgesamt wurden 15 Veranstaltungen im Seminarzeitraum (Mittwoch bis Sonntag) in den digitalen Raum transferiert und durch das Team inhaltlich und technisch begleitet.

Die Seminar-Tage

Beim Auftakt-Meeting (Mittwoch, 26. März 2020) erläuterten die Referent*innen das Seminarprogramm, anschließend folgte eine moderierte Vorstellungsrunde aller Teilnehmer*innen.

Themen des Seminars waren:

  • Verhältnis von Staat und Religion in Luxemburg und gesellschaftspolitische Implikationen
  • Globale Allianzen, globale Solidarität
  • Reflexionseinheit – Gesellschaftliche Privilegien und Machtstrukturen
  • spirituelle Morgenimpulse
  • Kerzen zünden zum Shabbat
  • #socialsaturday
  • Ökumenische Andacht

Vortrag Liz Lambert

Am Donnerstag (27. März) wurden zwei inhaltliche Einheiten sowie eine Reflexionseinheit angeboten. Liz Lambert, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Luxembourg School of Religion & Society (LSRS), trug zum Thema „Säkularisiertes Luxemburg? Secularized Luxembourg?“ vor und gab den Input „Alliances and global solidarity with a focus on Jewish-Muslim relations“. Rachel de Boor und Prof. Dr. Frederek Musall leiteten die anschließende Diskussion zur Bedeutung und den Chancen europäischer und globaler Allianzen.

Es folgte eine von AG-Leiterin Kristina Schneider angeleitete Reflexionseinheit, bei der über persönliche und gesellschaftliche Herausforderungen der Corona-Krise und Privilegien und Machtstrukturen in unseren Gesellschaften diskutiert wurden. Die Leitfragen dieser Einheit lauteten: Wie unterschiedlich werden verschiedene Gruppen durch die aktuelle Situation beeinträchtigt und was bedeutet Social Distancing in diversen Umständen? Wie kann ich durch meine eigenen Privilegien anderen helfen? Wo brauche ich selbst Hilfe und wie kann ich diese Hilfe bekommen? Welche Rolle spielt die europäische bzw. globale Ebene für mich und mein Netzwerk?

Impuls: Quran-Lesung mit Chat

Der Freitag (28. März) begann mit zwei Morgenimpulsen durch Teilnehmer*innen: einer Quran-Rezitation mit Input zur islamischer Gebetspraxis in Krisen- und Epidemie-Zeiten und einem Gedankenexperiment zu den Konzepten von Nationalstaatlichkeit, nationaler, kultureller und religiöser Identität und Ambivalenzen bzw. Herausforderungen europäischer, inter- und supranationaler Netzwerke.
Unter dem Titel „Learning from the scriptures with our spiritual leaders“ gaben die religiösen Begleiter*innen Inputs zu Figuren aus den religiösen Schriften des Judentums, Christentums und Islams und setzten diese in Beziehung zueinander. In der anschließenden Diskussion wurden besonders nicht-religiöse Interpretationen in den Blick genommen bzw. über queere und intersektionale Deutungsangebote debattiert.

Kerzenzünden

Zum Abschluss des Tages zündete Dialogperspektiven-Referentin Rachel de Boor zum Shabbatbeginn Kerzen. Das Kerzenzünden wurde in einem Facebook Live Video im Rahmen der Reihe „Abwarten und Tee trinken. Die ELES-Familie lädt ein“ gestreamt, Fragen konnten während des Streamings gestellt werden. Das Live-Video wurde zeitgleich im Zoom-Meeting geteilt, um den Teilnehmer*innen die Möglichkeit zu geben, im geschützten Raum Fragen zur Shabbat-Praxis stellen zu können.

Nachdem der Samstag (29. März) größtenteils im Shabbat-Modus – damit ohne digitale Formate, aber mit Nachlesen und Reflektieren der vergangenen Seminartage – verbracht wurde, trafen sich die Teilnehmer*innen nach Ende des Shabbats zum #socialsaturday.

#socialsaturday

Der Abend war geprägt von intensiven Diskussionen, die selbstverständlich online möglich sind. Die Resonanz auf die kurzfristige Einladung der Ehemaligen zu diesem Programmpunkt war überwältigend: Viele Ehemalige, darunter etliche aus dem ersten Jahrgang (2015/16), nutzten die Gelegenheit, zusammenzukommen und sich mit den aktuellen Teilnehmer*innen auszutauschen. Dies zeigt einmal mehr auf eindrückliche Weise die tiefe Verbundenheit der Ehemaligen zu unserem Programm. Sie besprachen miteinander die Auswirkung der Arbeit der Dialogperspektiven auf ihre Zeit nach dem Absolvieren des Programms und und gaben Einblicke in ihre jeweiligen Arbeitsfelder und beruflichen bzw. akademischen Netzwerke.

Andacht mit Kerstin Soederblom

Am Sonntag (20. März) fand eine ökumenische Andacht statt, die von der religiösen Begleiterin, einer christlich-maronitischen Teilnehmerin aus Frankreich und einer protestantischen Teilnehmerin aus Ungarn durchgeführt wurde und die auf beeindruckende Weise die Möglichkeiten des digitalen Raums nutzte.
In einem Abschluss-Meeting gaben die Teilnehmer*innen sowohl direkt als auch mithilfe der Chatfunktion kurzes Feedback bzw. Rückmeldungen und trafen Absprachen für die Fortsetzung der Arbeit nach dem Seminar.

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˝Unsere Gruppe konnte einen Raum schaffen, in dem ich aus der Defensive heraustreten konnte, weil niemand in der Offensive stand. Wir wurden dazu ermutigt, auch das „eigene“ Ungemütliche, Eckige und Kantige nicht entschuldigend wegzuerklären, sondern zu akzeptieren, dass es da ist. Unser Dialog war nicht darauf erpicht, Antworten zu finden, sondern Fragen zu stellen; diese Fragen haben wir nicht einander gestellt, sondern gemeinsam.

Iman, Teilnehmerin der Dialogperspektiven

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