Perspektiven in Zeiten von Corona: Kirche fällt – anders – aus

Die Corona-Pandemie stellt unser Leben auf den Kopf. Wie wir leben, arbeiten, lieben, unsere religiöse Praxis — vieles verändert sich. Manche Probleme macht das Virus erst sichtbar, manche Themen betrachten wir jetzt aus anderer Perspektive. Unsere aktuellen und ehemaligen Teilnehmenden erzählen ab sofort hier in unserem Blog von ihrem Leben in Corona-Zeiten. Von fundamentalen Erschütterungen, neuen Erkenntnissen und gelassenen Einsichten.

Pauline, aktuell Teilnehmerin der Dialogperspektiven, denkt in ihrem Text über die Rolle von Kirche angesichts der Corona Pandemie nach und berichtet über ihr Osterfest in dieser besonderen Zeit:

Kirche fällt – anders – aus.
So lautet das Motto des evangelischen Kirchenkreises Münster in Zeiten von Corona. Und es stimmt. Die Institution, die dafür bekannt ist, das Gegenteil von innovativ zu sein, muss sich gezwungenermaßen verändern. Plötzlich weiß jede Dorfgemeinde, was youtube ist. Not macht ja bekanntlich erfinderisch. Es gibt viele tolle Ideen: Da entstehen Podcasts, die in Tagen der Krise einen stärkenden Impuls geben, da fährt ein Pastor mit dem Golfcaddy durch seine Gemeinde, um einen mobilen Abendsegen zu spenden, da trifft man sich auf Zoom zum gemeinsamen Abendmahl.
Und zugleich wird der Kirche bewusst, was sie bisher vernachlässigt hat und was sie nicht mehr ist: systemrelevant. Das kann eine große Chance sein. Wir sind genötigt, darüber nachzudenken, was Kirche bedeutet. Wenn Kirche ein Gebäude meint, das einmal in der Woche aufgeschlossen wird, dann führt das spätestens in diesen Tagen zu einem Problem. Kirche ist eben mehr als der sonntägliche Gottesdienst und Gott kann nicht in Quarantäne gesteckt werden. Das kann in dieser Zeit besonders deutlich werden und dazu führen, dass wir nach neuen Wegen suchen, Menschen zu erreichen und das Evangelium zu verkündigen.

Zum Dauerzustand soll und muss es deswegen ja noch lange nicht werden. Ich selbst zähle zu denjenigen, die den Sonntagsgottesdienst vermissen. Selbst wenn die Zahl der mit mir gemeinsam Livestreamenden dreistellig ist, so lässt es sich für mich doch nicht mit dem gemeinsamen Feiern vor Ort vergleichen: der Blick in die vertrauten Gesichter, die bunten Fenster, durch die das Sonnenlicht leuchtet, der Geruch der brennenden Altarkerzen, das gemeinschaftliche Singen und Beten, das den Raum erfüllt. Kirche ist zwar nicht nur, aber eben auch ein Raum, in dem mindestens einmal in der Woche die Gemeinschaft und Verbundenheit des Christseins spürbar wird. Der christliche Glaube hat auch eine leibliche Dimension.

Auch der höchste christliche Feiertag fiel dieses Jahr ganz anders aus: ohne gemeinsamen Ostergottesgottesdienst in der Gemeinde, ohne Feier mit der Familie. Doch anders meint unerwartet und birgt darin ganz viel Potenzial. Freiräume für Neues: andere Abläufe, andere Orte, andere Menschen. Was bleibt, ist die Botschaft. Eine Freundin erzählte mir, wie sie und ihre Eltern sich an Karfreitag, da die Messe ja nun ausfallen musste, selbst einen Kreuzweg entlang besonderer Plätze rund um ihr Heimatdorf überlegt haben. Und wie schön sie es fand, sich bei der online-Ostermesse direkt mit ihnen über die Bibeltexte austauschen zu können.
Auch für mich war es ein sehr schönes Osterfest, irgendwie ein intensiveres, weil es mich deutlicher denn je vor die Frage gestellt hat: Was bedeutet Ostern für mich? Ostern 2020, Ostern im Angesicht von Corona, war einzigartig: Nie bedurften wir mehr der österlichen Hoffnung, dass das Leben stärker ist als der Tod. Nie haben wir mehr gespürt, was es bedeutet, dass Gott sich durch seinen Sohn in unser Leid begeben hat. Nie haben wir mehr erfahren, dass „wir hier keine bleibende Stadt haben, sondern die zukünftige suchen“ (Hebr 13,14).

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˝Unsere Gruppe konnte einen Raum schaffen, in dem ich aus der Defensive heraustreten konnte, weil niemand in der Offensive stand. Wir wurden dazu ermutigt, auch das „eigene“ Ungemütliche, Eckige und Kantige nicht entschuldigend wegzuerklären, sondern zu akzeptieren, dass es da ist. Unser Dialog war nicht darauf erpicht, Antworten zu finden, sondern Fragen zu stellen; diese Fragen haben wir nicht einander gestellt, sondern gemeinsam.

Iman, Teilnehmerin der Dialogperspektiven

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