Ein bulgarisch-orthodoxer Blick auf das Weihnachtsfest

Die vergangenen Weihnachtsfeiertage und der Jahreswechsel gehörten sicherlich zu den ungewöhnlichsten der letzten Jahrzehnte. Viele Familien konnten aufgrund der Coronavirus-Pandemie nicht wie gewohnt zusammenkommen und mussten sich mit alternativen Formen des Beisammenseins begnügen. Kirchen boten an Weihnachten, wenn überhaupt, nur stark eingeschränkte Gottesdienste an. Kurzum, es waren außergewöhnliche Feiertage in einer sehr außergewöhnlichen Zeit.

Auch für unseren aktuellen Teilnehmer am Programmjahr 2020/21, Rangel Trifonov, war die vergangene Weihnachtszeit anders als gewohnt: er konnte nicht, wie sonst immer, aus seiner Wahlheimat Brühl (bei Köln), wo er in deutscher Literatur promoviert, zu seiner Familie nach Bulgarien reisen.

Umso mehr freuen wir uns, dass er uns einen Einblick in die bulgarisch-orthodoxe Weihnachts- und Neujahrstradition und seine ganz persönlichen Erfahrungen gewährt. Wir hoffen, dass es ihm in 2021 wieder möglich sein wird, Weihnachten und Neujahr im Kreise seiner Familie in Bulgarien zu feiern.

Viel Spaß bei der Lektüre und ein gutes und gesundes neues Jahr vom Dialogperspektiven-Team in Berlin!

Bei Anmerkungen und Fragen erreicht ihr uns wie gewohnt per Email.

 

Weihnachten in christlich-orthodoxer Tradition. Das Fallbeispiel Bulgarien

von Rangel Trifonov, Brühl/Deutschland

Die Geburt Jesu Christi, auch Weihnachten (bulg.„Koleda“) genannt, ist einer der größten Feiertage der Christenheit.

Weihnachten und Neujahr sind die beliebtesten und berühmtesten Feiertage in der orthodoxen Lebenswelt. Weihnachten kann als ein Familienfest bezeichnet werden. Traditionell gibt es in diesem Zeitraum eine ganze Reihe von Feiertagen, die bis Ende Januar reichen und als sehr beliebte Namenstage gefeiert werden. Der Höhepunkt im Rahmen der zahlreichen Feiertage stellen aber Weihnachten und Neujahr dar.

Die Weihnachtsfeste fangen am Tag des Hl. Ignatius von Antiochien an

Der Tag des Hl. Ignatius wird am 20. Dezember gefeiert, und von da an bis zum Neujahr konzentrieren sich die orthodoxen Christen in Bulgarien auf die Vorbereitung der bevorstehenden Feiertage. An diesem Tag wird es als sehr wichtig angesehen, welche Art von Person das Haus betreten wird – gut oder unanständig, fleißig oder faul. Anhand der Persönlichkeit der entsprechenden Gäste soll vorbestimmt werden, wie das ganze nächste Jahr für die Gastgeber verlaufen wird.

Das nächste wichtige Datum ist der 24. Dezember – Heiligabend. Es ist anzumerken, dass an diesem Tag 7, 9, 11 oder 13 Gerichte auf dem Tisch liegen sollten – immer eine ungerade Zahl.

(ungerade Zahl von vegetarischen Speisen am Heiligen Abend, Foto: Rangel Trifonov, eigenes Archiv, 2019)

In der Tat ist Heiligabend einer der wichtigsten Feiertage – jeder bleibt zu Hause bei den engsten Familienangehörigen und genießt ein reichhaltiges vegetarisches Abendessen. Es besteht normalerweise aus Bohnen, Kohl- und Weinblättern und Paprika, gefüllt mit Reis und Gewürzen, vielen Vorspeisen, Trockenfruchtkompott und dem signifikanten hausgemachten Brot. Dies ist das sogenannte „Pitka“, (Pita, kleines Rundbrot) in das vor dem Backen eine Münze gelegt wird.

Beim Abendessen verteilt das älteste Familienmitglied allen einen Teil des Brotes (Pitka, das erste Stück ist für Gott, und das zweite Stück für das Haus) und die Person, die die Münze bekommt, sollte im Laufe des kommenden Jahres viel Gesundheit und Glück haben. Ein besonderes Detail ist damit verwoben, dass am Heiligabend der Tisch nicht abgeräumt wird und die Überreste über Nacht zurückgelassen werden, damit auch die toten Vorfahren speisen können. Es kann auch hervorgehoben werden, dass alle Räume des Hauses mit Weihrauch geräuchert werden – für die Vertreibung der bösen Geister und die Gesundheit und das Glück aller Familienmitglieder.

Ein interessantes Ereignis am Weihnachtsmorgen (am 25.Dezember) nach den orthodoxen Bräuchen sind die sogenannten „Koledari“ (Weihnachtssänger) – eine Gruppe junger Männer in traditioneller Kleidung. Sie gehen von Haus zu Haus und singen bulgarische Weihnachtslieder, um böse Geister zu vertreiben. Dieser herkömmliche Brauch wird auch in anderen orthodoxen Ländern praktiziert. Als Belohnung erhalten sie Brezeln und Wein.

Am Neujahrstag wird die Aufmerksamkeit zunächst auf das Filotteiggebäck „Banitza“ gelenkt. Jede Portion enthält ein kleines Stück Papier mit schriftlichen Wünschen für ein gesundes und erfolgreiches neues Jahr. Laut der Tradition wird die Banitza“ in den ersten Minuten des neuen Jahres gegessen. Die Wünsche, die die orthodoxen Christen auf das Gebäck verteilen, hängen meistens mit Gesundheit, Glück, Liebe oder beruflichem Erfolg zusammen.

(„Banitza“ – Blätterteig Gebäck, Foto: Rangel Trifonov, eigenes Archiv, 2019)

Am Morgen des ersten Tages des neuen Jahres findet ein traditionelles bulgarisches Ritual statt, das dem jüngsten in der Familie zugewiesen und als „Surwakane“ bezeichnet wird. Es besteht aus dem Klopfen des Rückens älterer Menschen mit speziell für diesen Anlass dekorierten Hartriegelzweigen – “Surwatshka“. Die Dekoration besteht aus farbigem Garn, getrockneten Früchten und Popcorn. Die Kinder klopfen ihren Eltern und Großeltern auf den Rücken und rezitieren Verse, um ein gesundes und erfolgreiches neues Jahr zu wünschen. Dann erhalten sie Geld und Leckereien als Belohnung.

Insgesamt lässt sich zusammenfassen, dass Weihnachten Familien, ganze Gemeinschaften und Nationen vereint, und es sollte nicht vergessen werden, dass an diesem Tag auch Wunder geschehen können.

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˝Unsere Gruppe konnte einen Raum schaffen, in dem ich aus der Defensive heraustreten konnte, weil niemand in der Offensive stand. Wir wurden dazu ermutigt, auch das „eigene“ Ungemütliche, Eckige und Kantige nicht entschuldigend wegzuerklären, sondern zu akzeptieren, dass es da ist. Unser Dialog war nicht darauf erpicht, Antworten zu finden, sondern Fragen zu stellen; diese Fragen haben wir nicht einander gestellt, sondern gemeinsam.

Iman, Teilnehmerin der Dialogperspektiven