Rückblick: Kick-Off der CPPD bei der Langen Nacht der Ideen 2021

Bereits zum dritten Mal waren die Dialogperspektiven Teil der „Langen Nacht der Ideen“ des Auswärtigen Amtes, auch dieses Mal mit einer digitalen Veranstaltung. Unter dem Titel „Perspektiven auf pluralistisches Erinnern. Eine Lange Nacht zur Coalition for Pluralistic Public Discourse (CPPD)“ feierten wir den offiziellen Kick-Off unseres neuen Projekts CPPD. Jo Frank, Leiter der Dialogperspektiven und CPPD, und Max Czollek, künstlerischer Leiter der CPPD, diskutierten in einem Staffellauf der Ideen mit sechs Mitgliedern der CPPD über ihre Visionen für pluralistische Erinnerungskulturen.

Jo Frank nahm den Staffelstab zuerst an sich und sprach mit Aladin El-Mafaalani (Soziologe und Autor von „Das Integrationsparadox“) über die fehlende Repräsentation einer de facto schon pluralistischen und postmigrantischen Gesellschaft in den Inhalten des Schulunterrichts. El-Mafaalani kritisiert, dass Insbesondere die jüngere deutsche Geschichte in den Lehrplänen kaum auftaucht. Dadurch wachse die Diskrepanz zwischen der Realität einer pluraler werdenden Gesellschaft und dem Gelehrten weiter. Auch diese Versäumnisse im Bildungskanon hätten einen Anteil an der Spaltung der Gesellschaft.

Über die Rolle von Erinnerung bei der Gestaltung von Gegenwart und Zukunft sprach Max Czollek mit Nadja Ofuatey-Alazard (Dekoloniale). Für Ofuatey-Alazard ist Erinnern auch eine Widerstandsstrategie. Die Erinnerung an deutsche, europäische und globale Gewaltgeschichten sei immer auch eine Arbeit an Gegenwart und Zukunft. Ofuatey-Alazard plädiert für eine Erinnerungskultur, die ein lebendiger und nach den Bedürfnissen der betroffenen Communities ausgerichteter Prozess ist. Sie betonte außerdem die Zentralität von Erinnerungskulturen für Schwarzes Empowerment.

Weiter ging es mit einem Gespräch zwischen Noa K. Ha (DeZIM-Institut) und Jo Frank über architektonische Dimensionen von Erinnerungskultur. Öffentliche Räume könnten Ein- und Ausschlüsse erzeugen und der öffentliche Raum dadurch auch Aussagen darüber treffen, wer zur Gesellschaft gehört. Sie betonte außerdem die Unterschiede zwischen der BRD und der DDR im Umgang mit der kolonialen Vergangenheit im Rahmen städtischer Erinnerungskultur sowie die Notwendigkeit einer Demokratisierung der Stadtentwicklung und Suche nach kreativen Umgängen mit Erinnerung im öffentlichen Raum.

Max Czollek und Gianni Jovanovic (Aktivist und Autor) sprachen über die Sichtbarmachung von Emotionen in Erinnerungskulturen. Über Erinnerung als Akt eines permanenten Schmerzes, und wie Verletzlichkeiten innerhalb der eigenen Community verhandelt werden können, wenn zugleich Widerstand besteht, sich als Opfer wahrzunehmen. Sie sprachen auch über Wut, Wut bezüglich des Umgangs staatlicher und privatwirtschaftlicher Unternehmen mit dem Erinnern von Communities. Gianni Jovanovic betonte außerdem die Notwendigkeit einer intersektionalen Erinnerungskultur, beispielsweise in Bezug auf queere Menschen.

Lea Wohl von Haselberg (Medienwissenschaftlerin) sprach mit Jo Frank über die Rolle des Films und anderen Medien in der Erinnerungskultur und über den Begriff der Authentizität in der filmischen Darstellung von Geschichte. Ein tieferes Verständnis von Bildsprache sei eine Lehrstelle in der Bildung, obwohl das Visuelle in den heutigen Gesellschaften sehr wichtig sei. Wie Texte müsse auch gelehrt werden, wie man Bilder einordnet.

Die letzte Etappe des Staffellaufs übernahmen Max Czollek und Esra Küçük (Allianz-Kulturstiftung) mit einem Gespräch über die Rolle von Erinnerung und Erinnerungskultur beim Theater, in der Kunst und in der Kulturförderung. Zu einer gelebten pluralistischen Gedenkkultur könnten auch andere Förderkriterien beitragen, sagt Küçük, indem z.B. nicht mehr danach gefragt würde, welche Zielgruppe mit einem Projekt erreicht werden soll, sondern danach, in welchem Umfang die Communities, die es erreichen soll, selbst an der Entstehung beteiligt waren.

Wir bedanken uns bei allen Beteiligten vor und hinter den Kulissen für den gelungenen und spannenden Abend sowie beim Auswärtigen Amt für die Möglichkeit wieder Teil der Langen Nacht der Ideen zu sein und für die langjährige Zusammenarbeit!
Wer sich die gesamten Gespräche anschauen möchte, findet den überarbeiteten Live-Mitschnitt des Abends auf dem YouTube-Kanal der Dialogperspektiven.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

9 − 5 =

˝Die Dialogperspektiven haben mein Leben in zweierlei Hinsicht bereichert. Zum einen haben sie mir neue Freundschaften ermöglicht: In unterschiedlichen interreligiösen und weltanschaulichen Begegnungen habe ich einzigartige Menschen kennengelernt, mit denen ich noch heute religiöse Theorien und Praktiken, aber auch zutiefst persönliche religiöse Gedanken und Gefühle austauschen kann. Zum anderen haben die Dialogperspektiven meinen beruflichen Werdegang nachhaltig beeinflusst: Sie haben mich dazu angeregt, in meinem wissenschaftlichen Werdegang die Funktionalität von Religion(en) in der individuellen Lebensbewältigung näher zu erforschen. Die Dialogperspektiven haben mir also letztendlich wertvolle Wege aufgezeigt, wie man sich mit dem Thema ‚Religiosität‘ bzw. ‚Interreligiosität‘ sowohl in persönlichen als auch in gesellschaftlichen Kontexten auseinandersetzen kann.

Nanthiny, Teilnehmerin der Dialogperspektiven